Vom Versagen einer Simulation
»Wir können nicht menschlich sein, ohne in uns die Fähigkeit zum Schmerz, auch die zur Gemeinheit wahrgenommen zu haben. Aber wir sind nicht nur die möglichen Opfer der Henker: die Henker sind unseresgleichen. […] Gibt es nichts in unserem Wesen, das so viel Entsetzliches unmöglich macht? […] Tatsächlich, es gibt nichts. […] Wir sind also nicht nur zum Schmerz, sondern auch zur Raserei des Folterns fähig.« (Bataille 2008: 17, Herv. i.O.)
Mit dieser Erkenntnis lässt sich kein Krieg führen. Denn am Krieg ist nichts Menschliches, Krieg ist immer unmenschlich. Die Unmenschlichkeit des Krieges beginnt damit, die Menschen unmenschlich zu machen, sie also zu SoldatInnen auszubilden. Als solche/-r darf sie/er nicht die Fähigkeit zur Raserei und zum Foltern in sich sehen. Diese muss ausschließlich auf die/den Andere/-n, den/die »FeindIn« projiziert werden, die/der so entmenschlicht und zum Objekt wird. Diese Objektivierung der/des Anderen ermöglicht es schließlich, nicht mehr von Kriegen, sondern von »Operationen« zu sprechen. Dabei ist diese für das Führen von Kriegen zwingend notwendige Mensch/Objekt- bzw. Gut/Böse-Dichotomie ein höchst fragiles Konstrukt, zu dessen Beschädigung manchmal nur eine einzige mediale Repräsentation, die nicht diesem Muster folgt, ausreicht. Ob diese Repräsentation »echt« ist, ist eher sekundär.
Daher lässt sich das Video, das bei YouTube unter »marines urinate on taliban« problemlos zu finden ist, auch ohne »Echtheitszertifikat« auf seine Effekte hin untersuchen, die die Gut/Böse-Dichotomie brüchig werden lassen. Was bewirkt dieses Video außer möglicher Destabilisierungen im politischen Verhältnis der USA/des Westens zur muslimischen Welt, hier insbesondere den Taliban?
Wenn menschlich sein bedeutet, dass man als Mensch niemals nur Opfer, sondern immer auch Henker ist, und wenn SoldatIn sein die Entmenschlichung in der Hinsicht bedeutet, dass man den Henker in sich verleugnet, um ihn auf die/den Andere/-n zu projizieren, dann zeigt dieses Video die urinierenden Soldaten als das, was sie sind: Menschen. Menschen, die genauso Menschen sind wie die Taliban, die getötet wurden, Menschen, die keine höheren oder gar »Übermenschen« sind.
Doch mit dieser medialen Repräsentation von US-Marines lässt sich eben kein Krieg führen. Mediale Repräsentationen von US-Marines haben anders auszusehen. Sie müssen u.a. die Überlegenheit des westlichen Wertekanons über den Rest der Welt zeigen, wie der Sekretär des US-Verteidigungsministeriums Leon E. Panetta in der New York Times zu betonen nicht müde wird: »the conduct depicted in the footage is utterly deplorable, and […] it does not reflect the standards or values American troops are sworn to uphold.« (Bowley/Rosenberg 2012) Auch Außenministerin Hillary Rodham Clinton betont ebenda die Unvereinbarkeit des im Video gezeigten Verhaltens mit den Werten, für die das US-Militär einstehen soll.
Dies soll nun in keiner Weise die Menschenverachtung, die von dieser im Video zu sehenden Tat ausgeht und die möglicherweise auch einen Verstoß gegen die Genfer Konvention darstellt, in Abrede stellen. Aber hier interessiert die Metaebene des Videos, auf der uns vorgeführt wird, dass »der Westen« auch nicht »zivilisierter« als die Taliban ist. Dies ist mit Blick auf die für das Führen von Kriegen notwendige Gut/Böse-Dichotomie, die eine Form von Entmenschlichung – und zwar auf beiden Seiten! – ist, hoch problematisch. Darüber hinaus macht uns dieses Video klar, dass diejenigen medialen Repräsentationen, die Krieg ermöglichen, indem sie die Gut/Böse-Dichotomie aufrechterhalten, niemals die »Realität« wiedergeben, sondern Simulationen im Sinne Jean Baudrillards (1978) sind, »[i]dealisierte Übertragungen einer widersprüchlichen Realität« (ebd.: 25), die uns glauben machen, dass die/der Andere in uns nicht anwesend ist. Die Simulation verdeckt die widersprüchliche Tatsache, dass das Böse stets Teil des Guten ist und umgekehrt, und ermöglicht so die Herausbildung instrumentalisierbarer Gut/Böse-Dichotomien, die immer zur Entmenschlichung auf allen Seiten beitragen.
Hierbei darf allerdings niemals die Simulation als Simulation sichtbar werden, da Macht und Herrschaft nur durch das Realitätsprinzip legitimierbar sind. Die Simulation ersetzt zwar das Realitätsprinzip, indem sie es eben simuliert, sich selbst als Realität ausgibt, aber sie darf diesen Vorgang nicht sichtbar werden lassen. Macht und Herrschaft lassen sich nur legitimieren, wenn wir an die »Realität« glauben. Dies gelingt aber nur, wenn wir nicht merken, dass wir in einer Hyperrealität leben, die auf nichts Reales mehr verweist. Eben dies zu leisten ist Aufgabe der Simulation. Gelingt dies nicht, stürzt das System in eine Krise. So entwickelt auch der Krieg seine ihm eigene Hyperrealität fernab von jeglicher Fremdreferenz, wozu er sich jedoch fremdreferentieller Ressourcen bedienen muss, die dies verdecken, indem sie eine Realität simulieren. So kann der Krieg, »unmoralisch und skrupellos, […] nur hinter einer moralischen Superstruktur agieren« (Baudrillard 1978: 27).
Das Funktionieren eben dieses Prinzips ist durch das Video, das US-Marines beim Urinieren auf tote Talibankämpfer zeigt, empfindlich gestört worden. Hier sehen wir die Anwesenheit des Bösen, das wir bekämpfen, in uns selbst. Die Simulation hat versagt, die MachthaberInnen der herrschenden Klasse haben nun ein schwerwiegendes Legitimationsproblem. Denn für den Moment wird sichtbar, dass Krieg weder rational noch moralisch ist. Was dieses Video also auf einer Metaebene zeigt, ist, dass »das ›Ich‹ […] schon durch seine Beziehung zu demjenigen in Frage gestellt [wird], an den ich mich richte« (Butler 2009: 37 f.). Die Quintessenz dieses Videos liegt damit darin, die zu simple Logik des Kriegs nicht nur in Frage zu stellen, sondern sie auch als Simulation zu entlarven. Dies wiederum wirft die Frage auf, für welche wirklichen Werte, die andere sind als diejenigen, die Kriege ermöglichen, wir einstehen.
Denken wir mit Baudrillard noch um eine Ecke weiter, bleibt offen, ob uns der Skandal, den dieses Video verursacht hat, einen Schritt in Richtung Menschlichkeit bringen wird. Denn der Skandal ist konstitutiv für die Hyperrealität. Wie gesehen, darf die Simulation nicht offenbaren, dass es in der Hyperrealität weder Rationalität noch Moral gibt. Ein Skandal aber, wie dieses Video einer ist, behauptet durch den (vermeintlichen) Bruch mit Rationalität und Moral immer auch deren (vermeintliches) Vorhandensein. Ein Skandal simuliert also Rationalität und Moral dort, wo sie nicht sind, und stabilisiert so das Fortbestehen einer Gesellschaft ohne reale Werte. Daher kann eine Gesellschaft, die selber über keine wirklichen Werte verfügt, auch nirgendwo anders wirkliche Werte etablieren.
So groß Baudrillards Scharfsinn ist, so groß ist auch sein Pessimismus. Es sei daher abschließend daran erinnert, dass nicht nur der Pessimismus, sondern auch die Fähigkeit zur Utopie, die sich mit der Welt so, wie sie ist, nicht zufrieden gibt, zum Menschlichen gehört. (sn)
- Bataille, Georges (2008): Henker und Opfer, Berlin: Matthes & Seitz.
- Baudrillard, Jean (1978): Agonie des Realen, Berlin: Merve.
- Bowley, Graham/Rosenberg, Matthew (2012): »Video Inflames a Delicate Moment for U.S. in Afghanistan«, in: New York Times, 12. Januar, zugegriffen am 15.01.2012, http://www.nytimes.com/2012/01/13/world/asia/video-said-to-show-marines-urinating-on-taliban-corpses.html?_r=1.
- Butler, Judith (2009): »Außer sich: Über die Grenzen sexueller Autonomie«, in: dies., Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 35-69.